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Menschen in Bewegung. Migration als historisches Phänomen
Flucht und Vertreibung, Ein- und Auswanderung sind in der Geschichte allgegenwärtige Phänomene. Überblickt man große Zeitspannen und weite Räume, werden darin aufschlussreiche Strukturen und Muster sichtbar. Einzelne Wanderungsbewegungen können dann besser eingeordnet werden.
Menschheitsgeschichte ist Migrationsgeschichte. Die wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und kulturelle Gegenwart Baden-Württembergs, Deutschlands, Europas und der Welt kann nur verstehen, wer die Entwicklung der umfangreichen und folgenträchtigen Bewegungen von Menschen im Raum nachvollzieht. Migration ist die auf einen längerfristigen Aufenthalt angelegte räumliche Verlagerung des Lebensmittelpunktes von Individuen, Familien, Gruppen oder auch ganzen Bevölkerungen. Unterscheiden lassen sich verschiedene Erscheinungsformen räumlicher Bevölkerungsbewegungen: Dazu zählen vor allem Arbeits- und Siedlungswanderungen, Bildungs-, Ausbildungs- und Heiratswanderungen sowie Zwangswanderungen. Sieht man von den zuletzt genannten Zwangswanderungen ab, auf die noch einzugehen sein wird, streben Individuen, Familien oder Gruppen danach, durch Bewegungen zwischen geographischen und sozialen Räumen, ihre Erwerbs- oder Siedlungsmöglichkeiten, Beschäftigungs-, Bildungs-, Ausbildungs- oder Heiratschancen zu verbessern bzw. sich neue Chancen zu erschließen.
 | | Situation auf einem Auswandererschiff um 1820. (Foto: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg) |
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Ob und inwieweit eine Abwanderung als Alternative verstanden wurde, hing entscheidend ab vom Wissen über Migrationsziele, -pfade und -möglichkeiten. Damit Arbeits-, Ausbildungs- und Siedlungswanderungen einen gewissen Umfang und eine gewisse Dauer erreichten, bedurfte es kontinuierlicher und verlässlicher Informationen über das Zielgebiet. Die Formen der Vermittlung solcher Informationen waren vielgestaltig: Ein zentrales Element bildeten mündliche oder schriftliche Berichte über Beschäftigungs-, Ausbildungs-, Heirats- oder Siedlungschancen durch vorausgewanderte (Pionier-)Migranten, deren Nachrichten aufgrund von Verwandtschaftsverbindungen oder Bekanntschaftskontakten ein hoher Informationswert beigemessen wurde. Die Bedeutung der Informationsvermittlung mit Hilfe von Netzwerken kann nicht überschätzt werden. Verwandte oder Bekannte bildeten beispielsweise die erste Station oder das direkte Ziel der Reise von 94 Prozent aller Europäer, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Nordamerika eintrafen. Mindestens 100 Millionen private „Auswandererbriefe“ sind z.B. 1820–1914 aus den USA nach Deutschland geschickt worden und kursierten in den Herkunftsgebieten im Verwandten- und Bekanntenkreis.
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Staatliches oder obrigkeitliches Handeln bildete einen der wichtigsten Hintergründe für die Entwicklung von Zwangswanderungen als einer weiteren wesentlichen Migrationsform. Zwangsmigration war durch eine Nötigung zur Abwanderung verursacht, die keine realistische Handlungsalternative zuließ. Sie konnte Flucht vor Gewalt sein, die Leben und Freiheit direkt oder erwartbar bedrohte, zumeist aus politischen, ethno-nationalen, rassistischen oder religiösen Gründen. Zwangsmigration konnte aber auch gewaltsame Vertreibung, Deportation oder Umsiedlung bedeuten, die sich oft auf ganze Bevölkerungsgruppen erstreckte. Nicht selten verbanden sich solche Formen mit Zwangsarbeit. Zwangsmigrationen waren zumeist Ergebnis von Krieg, Bürgerkrieg oder politischen Maßnahmen autoritärer Regime – vor allem der Erste und der Zweite Weltkrieg bildeten elementare Katalysatoren in der Geschichte der europäischen Zwangswanderungen. In Europa kann von 50 bis 60 Millionen Flüchtlingen, Vertriebenen und Deportierten zwischen 1939 und 1945 ausgegangen werden. Das waren mehr als 10 Prozent aller Europäer, und millionenfache Bewegungen folgten bekanntlich in den ersten Nachkriegsjahren, darunter die der 13 oder 14 Millionen deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen.
Überblickt man, von der unübersehbaren Vielfalt der alltäglichen und allgegenwärtigen kleinräumigen Wanderungen abgesehen, die unterschiedlichen Gewichtungen im Wanderungsgeschehen nach und aus Deutschland von der Frühen Neuzeit bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts, dann erkennt man markante säkulare Schwerpunkte: Dazu zählen vor allem die frühneuzeitlichen Zuwanderungen von Glaubensflüchtlingen bzw. von Vertriebenen aus Glaubensgründen, die traditionsreichen Siedlungswanderungen nach Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa bis in das frühe 19. Jahrhundert und die transatlantische Massenauswanderung bis zum späten 19. Jahrhundert. Dann folgte die langfristige Umkehr der Wanderungsrichtungen bis hin zu den verschiedensten Zuwanderungen und Bewegungen von Flüchtlingen und Vertriebenen nach Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der deutschsprachige Raum war aber in seiner Geschichte selten Ab- oder Zuwanderungsland allein, sondern meist beides zugleich.
Lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von „Momente“ 1/2010 mehr darüber, wie die Wanderungsbewegungen etwa von „Gastarbeitern“ aus globaler Perspektive zu bewerten sind.
Dr. Jochen Oltmer
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