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"Feinarbeit am Wortlaut"
Knapp 10.000 Stücke umfasst Melanchthons erhaltene Korrespondenz. Auch nach seinem Tod hielt das Interesse an den Briefen an: Genug zu tun für die Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, die die wissenschaftliche Edition aller Melanchthon-Briefe übernommen hat.
MOMENTE: Wie man es in einer Forschungsstelle erwartet, füllen Bücherregale die Räume bis zur Decke. Außer der gut sortieren Bibliothek besitzen Sie jedoch auch Archivmaterial und sogar einen Tresorschrank – enthält der originale Melanchthon-Briefe?
MUNDHENK: Nein, keine Melanchthon-Originale, aber dennoch wichtige Grundlagen unserer Arbeit: handschriftliche Notizen von Archivreisen der früheren Bearbeiter, vor allem von Heinz Scheible. Wir hüten auch ein besonderes Exemplar der gedruckten Ausgabe aller Briefe, die Melanchthon seinem Freund Joachim Camerarius geschrieben hat. Es gehörte dem Berliner Melanchthon-Forscher Nikolaus Müller (1857–1912) und ist ein „durchschossenes“ Exemplar: Zwischen alle Blätter ist jeweils eine leere Seite eingebunden. Hier hat Müller auf Archivreisen die Textänderungen der gedruckten Camerarius-Edition gegenüber dem Original überprüft und in feinster Schrift festgehalten. Wir arbeiten sozusagen mit den Forschern aus dem 19. Jahrhundert Hand in Hand.
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 | Brief Melanchthons vom 8. September 1542 an seinen „liebsten Freund“ Veit Dietrich in Nürnberg. Bildnachweis: Stadtarchiv Heidelberg (H.A. Melanchthon) |
Seit Jahrhunderten beschäftigen sich Forscher mit den Briefen, die Melanchthon geschrieben und erhalten hat – schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab es eine Ausgabe innerhalb des „Corpus Reformatorum“, sie machte rund 7.000 Schreiben zugänglich. Das große Interesse an Melanchthon förderte immer weitere Briefe oder Abschriften bekannter Briefe zutage. Was ist für eine „kritische und kommentierte“ Ausgabe noch zu tun?
MUNDHENK: Frühere Herausgeber hatten oft eine viel schmalere Überlieferungsbasis oder haben die Texte teilweise stark geglättet. Heutzutage gelten ganz andere wissenschaftliche Standards. Da es für die Edition um den ursprünglichen Wortlaut geht, müssen wir alle bekannten Handschriften und Drucke vergleichen; man nennt das „Kollationieren“. Das ist besonders wichtig für Briefe, die nicht mehr im Original erhalten sind. Jeder weiß doch, dass beim Abschreiben Fehler entstehen: Man lässt etwas aus, liest etwas falsch oder verschreibt sich. All diese Fehler stecken auch in den abgeschriebenen Melanchthon-Briefen. Wir schauen also, wie stark die bekannten Überlieferungen voneinander abweichen und suchen uns die zuverlässigste Abschrift aus, die dann als „Leittext“ dient.
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Wie hat man sich Ihre Arbeit konkret vorzustellen?
HEIN: Alle Brieftexte sind schon im PC erfasst und chronologisch geordnet – das ist viel wert, weil Melanchthon seine Briefe selten datiert hat und man das Datum oft aus dem Zusammenhang erschließen muss. Auch die Überlieferung ist schon zusammengestellt. Für die Edition muss die Feinarbeit am Wortlaut erfolgen. Manchmal geht das schnell. Wenn ein Brief im Autograf – also original von Melanchthons Hand – vorliegt, nicht allzu lang ist und keine Zitate oder schlecht lesbare Streichungen enthält, kann man in einer Stunde fertig sein. Langwierig ist es bei Briefen, die viele Streichungen und Änderungen aufweisen, oder die in sehr unterschiedlichen Abschriften überliefert sind. Die muss man dann im kritischen Apparat einzeln aufführen.
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Wer waren Melanchthons Briefpartner? Er hat mit den Geistesgrößen und wichtigen Fürsten seiner Zeit korrespondiert, mit wem noch?
DALL’ASTA: Man muss sich klarmachen, dass Briefe damals die einzige Möglichkeit des persönlichen Kontaktes waren, wenn man sich nicht besuchen konnte. Melanchthon schrieb auch an Privatleute oder Einzelpersonen, die er um einen Gefallen bat. Er setzte sich zum Beispiel sehr für seine Studenten ein, stellte ihnen Empfehlungsschreiben aus und bat für sie um Stipendien oder um die Übernahme sonstiger Kosten. Ein Empfehlungsschreiben von Melanchthon hatte Gewicht. Wichtige Briefpartner waren auch seine Freunde, allen voran Joachim Camerarius, ein lebenslanger, sehr enger Freund.
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Gibt es eine Entdeckung oder die Auflösung eines bislang ungeklärten Punktes, auf die Sie besonders stolz sind?
DALL’ASTA: Es gab da diesen Brief von Martin Luther an Philipp Melanchthon, in dem angeblich die Rede davon war, dass der Teufel Gift in den Wein und Gips in die Milch mische („toxica miscentur vino, lacti gypsum“). Ich habe mich gefragt, warum eigentlich von Gips die Rede ist, dessen toxische Wirkung in der Milch eher gering ist. In einer weiteren Abschrift dieses Lutherbriefes, die offenbar bislang niemand zur Kenntnis genommen hatte, war dann nicht von „gypsum“, sondern von „fruges“ = Früchten die Rede, was den Satz viel plausibler erscheinen lässt: Der Teufel mische Gift in Wein, Früchte und Milch („toxica miscentur vino, lacti et frugibus“).
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Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg bei der Editionsarbeit!
Lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von „Momente“ 2/2010 das gesamte Interview mit der Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Redaktion
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