
|
|
„Uns ist in alten Mären ...“
Die Überlieferungsgeschichte der Nibelungenlied-Handschrift C
Die Handschrift C des „Nibelungenliedes“ fand im Jahre 2001 unter der Signatur Codex Donaueschingen 63 eine neue Heimat in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Sie gilt als die älteste der drei großen, im 13. Jahrhundert entstandenen „Nibelungenlied“-Handschriften und hat eine besonders prominente Geschichte.
 | Die Eingangsseite der Handschrift C des Nibelungenliedes. Links die spiegelverkehrt ausgeführte Spaltenleisteninitiale „U“, rechts das Exlibris Josephs von Laßberg. Bild: Badische Landesbibliothek Karlsruhe |
Am 29. Juni 1755 wurde die Handschrift C als erster Überlieferungsträger
des „ Nibelungenliedes“ von dem Lindauer Arzt Jacob Hermann Obereit
(1725–1798) in der Bibliothek der Reichsgrafen von Hohenems wiederentdeckt.
Der Kodex steht somit am Beginn der modernen Rezeption des bis dahin – von
vereinzelten Nennungen in historischen Werken abgesehen – praktisch vergessenen
mittelalterlichen Textes. In den darauf folgenden Jahren machte der Züricher
Gelehrte Johann Jacob Bodmer (1698–1783) in den „ Freymüthigen Nachrichten“ Entdeckung
und Einzelheiten aus dem Inhalt des „ Nibelungenliedes“ bekannt,
welches er in Bezug zu Homers „ Ilias“ setzte. 1757 schließlich
gab er den Text teilweise unter dem Titel „ Chriemhilden Rache“ heraus.
Bodmer suchte den aus heutiger Sicht erstaunlichen Beginn seiner Edition mitten
im „ Nibelungenlied“ literaturtheoretisch zu untermauern. Wahrscheinlich
aber war weit weniger die „Einheit der Handlung“ als die Textlücke, die
die Handschrift C bereits damals in der achten Lage aufwies, maßgeblich
dafür, dass er den überlieferten Textbeginn wegließ und die
Edition gleich nach der Lücke auf Blatt 59r einsetzen ließ. Offensichtlich
konnte die „Deutsche Ilias“, wovon erst ein Textzeuge bekannt war, nicht mit
dem Makel einer Textlücke ins Licht der Öffentlichkeit treten.
Für die erste Gesamtausgabe, die Bodmers Schüler Christoph Heinrich
Myller schließlich 1782 in Berlin publizierte, wurden erneute Nachforschungen
in der Bibliothek von Hohenems angestellt. Dabei kam im Jahre 1779 noch eine
weitere „ Nibelungenlied“ -Handschrift (A) ans Licht, die sich heute
in der Bayerischen Staatsbibliothek in München befindet.
 | | Nibelungenlied-Handschrift C, Blatt 54r: In Rot geschrieben der Beginn der Aventiure, die die Einladung der Wormser nach Etzelburg beinhaltet: "Auenture wie der kunec Ezele vnde div frowe C[hriemhilt] nach ir frivnden ze Wormez sande. Jn also hohen eren. daz ist alwar. si wonte(n) bi dem kunige. vnz indaz sibende iar. di zit div kuniginne. eines svnes was genesen. des chunde der chunic Ezele. nimmer vrolicher gewesn. ..."
Bild: Badische Landesbibliothek Karlsruhe |
Das Geschlecht der Reichsgrafen von Hohenems war schon im Jahre 1759 in der
männlichen Linie ausgestorben. Maria Rebekka Josepha Erbgräfin von
Hohenems (1742–1806) und deren einzige Tochter Maria Walburga (1762–1828) haben
zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Abtransport von zehn Kisten mit Handschriften
und Büchern aus dem Stammschloss in Hohenems nach Bistrau, ihrem Sitz
in Böhmen, veranlasst. So wissen wir es aus dem Schreiben Josephs von
Laßberg (1770–1855) vom 3. April 1819: „ ... Von den durch die Gräfin
in 10 Kisten hinweggefürten Handschriften & Büchern,
kamen seit dem 3 Stücke wieder zum Vorschein. Um den Ruhm vollends zu
begründen: ´quod in patrios cineres minxit!´ [dass sie
auf die Familientradition pfiff (Horaz, Ars poetica, V. 471)] schenkte
die edle gräfin dieselben einem advokaten in Prag namens Schuster“ [Professor
Dr. Michael Schuster, 1767–1834].
Laßberg meinte mit den genannten drei Stücken die Nibelungenlied -Handschrift
C, die „ Nibelungenlied“ -Handschrift A und den ebenfalls von Jacob
Hermann Obereit in Hohenems aufgefundenen Kodex des „ Barlaam und Josaphat“ von
Rudolf von Ems (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Donaueschingen 73).
Der passionierte Sammler Joseph von Laßberg gelangte im Jahre 1815 am
Rande des Wiener Kongresses schließlich selbst in den Besitz der „ Nibelungenlied“ -Handschrift
C und der „ Barlaam“ -Handschrift aus Hohenems. Er berichtete folgendermaßen: [Die „ Nibelungenlied“ -Handschrift
C und die „ Barlaam“ -Handschrift] „ verkaufte Schuster an einen
Herrn Frikart in Wien, der sie während des Congresses für einen hohen
Preis überall herum feilbot.“
...
Mit den finanziellen Mitteln seiner heimlichen Lebensgefährtin, der Fürstin
Elisabeth zu Fürstenberg (1767–1822), konnte Joseph von Laßberg
die „ Nibelungenlied“ -Handschrift C schließlich erwerben. So
wurde der Kodex zum wertvollsten und bekanntesten Stück der Laßbergschen
Handschriftensammlung. ... Wie die Handschrift C schließlich nach Karlsruhe gelangte und was sie, über deren Entstehungsgeschichte man wenig weiß, dennoch über ihre Herstellung verrät, lesen Sie in der gedruckten Ausgabe.
Ute Obhof
|
|