Ausgabe 4/2005


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„Wo rein der Sang und wahr das Wort, da ist des freien Sängers Hort!“

Der Deutsche Arbeiter-Sängerbund in Baden und Württemberg

 
In Baden-Württemberg gibt es viele Gesangvereine mit langer Geschichte. Ihre Vielfalt galt bereits im 19. Jahrhundert als Besonderheit des deutschen Südwestens. In dieser Region hatte daher auch der Deutsche Arbeiter-Sängerbund als bedeutendste Kulturorganisation der sozialistischen Arbeiterbewegung einen seiner Schwerpunkte.

Es gibt nicht mehr viele Gesangvereine in Baden-Württemberg, bei denen auf den ersten Blick zu erkennen ist, dass sie aus dem Deutschen Arbeiter-Sängerbund hervorgegangen sind. Nach dem Verbot in der Zeit des Nationalsozialismus kam es zwar nach 1945 des Öfteren zur Wiedergründung ehemaliger Arbeitergesangvereine, infolge der kontinuierlich fortschreitenden Auflösung der klassischen Arbeiterschaft und des sozialistischen Arbeitermilieus konnten sie aber oft nicht mehr das fortsetzen, was vor 1933 einmal gewesen war. Viele von ihnen mussten sich deshalb in den 1950er- und 1960er-Jahren auflösen oder sich mit bürgerlichen Gesangvereinen zusammenschließen. Bis heute bestehende Arbeitergesangvereine wie in Peterstal, Philippsburg, Sulzfeld oder Ziegelhausen sind auf Grund besonderer örtlicher Verhältnisse nur die Ausnahme und nicht die Regel. Der Gesellschaftswandel und der Generationenwechsel in der Bundesrepublik ließen den hoffnungslos überalterten Arbeitersängern meistens keine Chance mehr. Ihr historisch-kulturelles Erbe verschwand aus dem Bewusstsein der Gesellschaft und wurde auch von der Landesgeschichte vergessen. Eine Geschichte des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes in Baden-Württemberg wurde jedenfalls nie geschrieben, obwohl die Arbeitersänger auch hier zu Lande einen bedeutenden Beitrag zur Musikkultur geleistet haben.

Postkarte

Erinnerungspostkarte an den dritten Sängertag des Arbeiter-Sängerbundes für Baden und die Pfalz am 26. August 1900 in Pforzheim mit Grüßen und Unterschriften einiger Teilnehmer. (Albert-Bauer-Archiv der Arbeiterbewegung, Schramberg (Slg. C. Kohlmann))



Die Geschichte der Arbeitersänger begann in den 1860er-Jahren mit der Gründung von Gesangsabteilungen in Arbeiterbildungsvereinen und gewerkschaftlichen Fachabteilungen durch August Bebel (1840–1913) in Leipzig und insbesondere durch Ferdinand Lassalle (1825–1864) in Frankfurt am Main. Aus diesem Grund nannte sich später eine ganze Reihe von Arbeitergesangvereinen „Lassallia". In Baden und Württemberg entstanden die ersten Arbeitergesangvereine wie in anderen Regionen des Deutschen Reiches zuerst in der Arbeiterschaft der Industriestädte, wo die sozialistische Arbeiterbewegung ihre ersten Organisationen gründen konnte. Die Anregung zur Gründung von Arbeitergesangvereinen wurde offenbar zuerst in Baden aufgenommen, wo der 1865 in Mannheim gegründete „Arbeiter-Sängerbund“ vermutlich der erste badische Arbeitergesangverein war. In Württemberg besitzt diese Ehre anscheinend die 1874 gegründete Liedertafel „Lassallia“ in Stuttgart.

 Signet des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes

Das Signet des Deutschen Arbeiter-Sängerbundes auf einer Festschrift zum siebten Landesarbeitersängerfest des Gaus Württemberg am 3./5. August 1929 in Bad Cannstatt. (Albert-Bauer-Archiv der Arbeiterbewegung, Schramberg (Slg. C. Kohlmann) )

Weitere Arbeitergesangvereine entstanden in Baden und Württemberg nach der Gründung des Deutschen Reiches in den 1870er-Jahren und dienten in der Zeit des als „Sozialistengesetz" bezeichneten „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" von 1878 bis 1890 oft als Tarnorganisationen der vom wilhelminischen Obrigkeitsstaat unterdrückten sozialistischen Arbeiterbewegung. Dass sich in diesen Gesangvereinen, die nach außen einen unpolitischen Eindruck zu erwecken versuchten, nach wie vor Sozialdemokraten versammelten, blieb den Polizeibehörden aber nicht verborgen. Es kam daher oft zu Auflösungen, die aber wiederum Neugründungen unter anderem Namen nach sich zogen. Trotz Verboten konnte der Wunsch der sozialistischen Arbeiterschaft nach Arbeitergesangvereinen nicht mehr aufgehalten werden. 1883 entstanden beispielsweise in der württembergischen Industriestadt Heilbronn der Gesangverein „Hoffnung“ oder 1889 in Freiburg im Breisgau der Gesangverein „Freundschaft“.

Lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von Momente 4/2005 mehr über die musikalische Seite der Arbeiterbewegung.

Carsten Kohlmann



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