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Von Segovia nach Münsingen
Wie die Merinoschafe 1786 aus Spanien nach Württemberg kamen
Die Serie „Von fremd zu heimisch“ stellt unterschiedlichste Phänomene der Einwanderung in den Südwesten vor: Diesmal einen tierischen Fall im Zusammenhang mit der Landwirtschaftsförderung Ende des 18. Jahrhunderts: Die mühsame Wanderung spanischer Merinoschafe nach Württemberg.
Am 10. September 1786 näherte sich eine Herde von 104 Schafen der Stadt Münsingen. Eigentlich nichts Außergewöhnliches auf der Schwäbischen Alb. Doch diese Tiere waren etwas ganz Besonderes, denn sie trugen die begehrteste, weil feinste Wolle der damaligen Zeit und stammten aus Spanien und dem Roussillon. …
Die Schafzucht besaß zwar in Württemberg einen beachtlichen Stellenwert, doch konnte die im Lande erzeugte Wolle die Ansprüche an schöne Stoffe nicht befriedigen. Das Zaupelschaf mit seiner Mischwolle, dessen Haltung erstmals Herzog Ulrich verbot, und danach das so genannte Flämische Schaf, versorgten die Bevölkerung nur mit mehr oder weniger grobem Material.
 | | Merinoschafe vor der königlich württembergischen Domäne Achalm. (Foto: Württembergische Landesbibliothek) |
Unter dem Schutz der Krone wanderten dagegen in Spanien Merinoschafe mit edler Wolle seit dem 12. Jahrhundert auf privilegierten Triften. Von den Winterweiden in Andalusien und der Extremadura strebten sie zu den Sommerweiden in den gebirgigen Teilen von Kastilien und Leon und wieder zurück. Bis zu fünf Millionen Tiere in riesigen Herden waren zeitweise unterwegs. Die spanische Krone, Kirche und der Adel erzielten aus dem Verkauf der Wolle erhebliche Gewinne. Die Ausfuhr der edlen Schafe selbst war, wie behauptet wurde, bei Todesstrafe verboten.
Mitte des 18. Jahrhunderts gelang es einigen Ländern, dieses Verbot aufzuweichen und Merinoschafe einzuführen. Ihre feine Wolle erzielte auf den Märkten fantastische Preise. Dazu trug allerdings bei, dass jetzt die technischen Verbesserungen in der Spinn- und Webindustrie die Herstellung schöner, ja modischer Stoffe ermöglichten.
Nun wurde man auch in Württemberg aktiv. 1783 etablierte sich in Stuttgart eine Schafzucht-Verbesserungs-Deputation. Sie knüpfte über Paris eine Verbindung zum spanischen Hof, und man erhielt schließlich die Erlaubnis, 30 Widder und 10 Mutterschafe einzukaufen. ...
 | Die so genannte „Transhumanz“ – „Wanderschäferei“ – wurde mit großen Herden über weite Strecken betrieben. (Foto: Archiv des Vereins für Schäfereigeschichte e.V.) | Als erstes schickte man zwei Schäfer zum Studium nach Montbard in der Bourgogne in die dortige Schäferschule des berühmten Monsieur Daubenton, der bereits mit reinrassigen Merinos arbeitete. Die zwei Abgesandten waren der 24 Jahre alte ledige Waldenser Joseph Clapier aus Großvillars im Kraichgau und der 29 Jahre alte verheiratete Friederich Gallus, Schäfermeister aus Lienzingen (heute ein Stadtteil Mühlackers). Mit allen nötigen Instruktionen und einigen Gulden zur Verpflegung wanderten sie im Juli 1785 zu Fuß bis Straßburg. Dort stattete sie ein Vertrauter der württembergischen Regierung mit Pässen aus, und bezahlte für sie die Kutsche nach Montbard. Kost und Logis waren dort umsonst, nicht aber der Wein.
Schwieriger war die Suche nach einem herzoglichen Beamten, der die Reise leiten und die Merinoschafe einkaufen sollte. Niemand riss sich um das strapaziöse Abenteuer. Schließlich sagte Jakob Friedrich Wider, Direktor des Herzoglichen Zucht- und Arbeitshauses in Ludwigsburg zu. Als Leiter der angegliederten Tuchmanufaktur war er ein Kenner in- und ausländischer Wollen. Obwohl in fortgeschrittenem Alter und nicht bei bester Gesundheit, wollte er die Aufgabe auf sich nehmen. Als Begleiter wünschte er sich seinen jungen Oberscribenten Carl Friedrich Stängel.
Mit den nötigen Pässen, Geldern und Wechseln versehen, bestiegen die beiden am 8. Februar 1786 in Ludwigsburg ihre Kutsche, wobei Wider standesgemäß noch einen Bedienten bei sich hatte und zwei Pistolen. Am 21. Februar erreichten sie Montbard, von den Schäfern Gallus und Clapier sehnlichst erwartet, denn die dortige Schäferei wurde nachlässig geführt. …
In Barcelona, das sie am 28. März erreichten, konnte ihnen niemand sagen, wo sich die Herden aufhielten, denen sie sich ja anschließen wollten, um die Haltung der Merinoschafe zu studieren. Auch in Saragossa und Madrid, wohin sie weiterempfohlen wurden, konnte man der schon fast verzweifelten Delegation nicht weiterhelfen. …
Welche Abenteuer die Reisenden noch überstehen mussten und wie die weite Fußreise mit den Schafen schließlich doch ein glückliches Ende fand, das lesen Sie in der gedruckten Ausgabe von „Momente“ 2/2008.
Manfred Reinhardt
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